Technik-Aufbau-Checkliste für hybride Lehrveranstaltungen

Dieser Blog-Artikel ist eigentlich mehr als Notiz für mich selbst gedacht, vielleicht aber auch für andere Lehrpersonen nützlich. Ich beschreibe den Prozess zum Einrichten und Aufbauen der Technik (Hardware und Software) für eine hybride Lehrveranstaltung als Checkliste bzw. „Startprotokoll“, und halte fest, welche Dinge, wann, wie und in welcher Reihenfolge erledigt werden sollten, so dass am Ende alles möglichst reibungslos funktioniert.

T minus 1 Woche

  • Raum planen, anfragen und den Teilnehmenden bekannt geben
  • falls man als Lehrperson noch nie dort war, nach Möglichkeit mal kurz vorbeischauen und den Raum besichtigen
    • Was für Technik (Beamer, Leinwand, Lautsprecher, Smartboard, Mikrofonanlage, etc.) ist bereits vor Ort, die man nutzen könnte?
    • Was für Anschlüsse und Steckdosen sind vorhanden?
    • Welche eigene Technik muss man für das geplante Szenario mitbringen?
    • Welche Kabel, Adapter, Verlängerungen, etc. muss man dafür noch mitnehmen?
    • eventuell nötige Technik zum Verleih anfragen
  • Videokonferenzmeeting anlegen und die Zugangsdaten mit den Teilnehmenden teilen
    • für regelmäßige Veranstaltungen ein wiederkehrendes Meeting mit festen Zugangsdaten anlegen
    • Zugangsdaten nicht öffentlich in den sozialen Medien teilen, sonst steigt die Gefahr von Zoom-Bombing stark an
  • eventuellen parallelen Streaming-Dienst planen
    • eigene Zugangsdaten (Stream-URL und Stream-Key) in Kenntnis bringen
    • Teilnahmelink mit den reinen Online-Teilnehmenden teilen

T minus 1 Tag

  • konkrete Aktivitäten und Interaktionen mit den Lernenden planen und vorbereiten
  • eventuell die Akkus von irgendwelchen akkubetriebenen Geräten (Mikrofone, Tablet-PCs, etc.) aufladen

T minus 1 Stunde

  • Lehrmaterialien wie Folien, Webseiten, Quizze, Umfragen, Arbeitsaufträge, etc. fertigstellen und z.B. in einem Cloud-Speicher sichern
  • nötige Technik zusammenpacken

T minus 30 Minuten

Von nun an ist die konkrete Reihenfolge wichtiger:

  1. im Lehrveranstaltungsraum ankommen
  2. Laptop auspacken und einschalten bzw. einen eventuell vorhandenen PC einschalten
  3. Bedienoberfläche des Laptops/PCs „lehrveranstaltungsbereit“ machen
    • unnötige Programme und Apps schließen
    • unnötige Tabs im Browser schließen
    • Benachrichtigungen ausschalten, z.B. von E-Mail- und Antivirus-Programmen
    • nötige Lehrmaterialien klickbereit öffnen und vorbereiten, sich eventuell dafür in den entsprechenden Online-Portalen anmelden
  4. erst jetzt das HDMI-Kabel anschließen und den Beamer einschalten
    • Bildprojektion und Auflösung testen, eventuell Raum verdunkeln
    • prüfen, ob der Bildschirm geklont oder erweitert wurde, gegebenenfalls nach Wunsch umstellen
    • prüfen, ob der Desktop-Ton über das HDMI-Audio wiedergegeben wird, ob eine weitere Audioausgabe per Klinkenkabel notwendig ist oder ob z.B. ein Bluetooth-Lautsprecher verbunden werden muss
  5. Kamera(s) und Mikrofon(e) verbinden
  6. Videokonferenzsoftware starten, kurzer Test der Kamera(s), der Mikrofon(e), der Audioausgabe und eventueller Rückkopplungen, z.B. in Verbindung mit einer Hörsaalmikrofonanlage
  7. eigenes Kamerabild prüfen
    • Passen der Bildausschnitt und die Beleuchtung?
    • Gibt es störende Reflexionen oder Blendungen, z.B. von Leuchten oder Sonnenlicht?
    • Sind ablenkende oder unästhetische Gegenstände im Kamerabild zu sehen (z.B. Mülleimer, Waschbecken, abgestellte Technik, etc.)
    • Ist gegebenenfalls ein Personen-Tracking bzw. eine Gestensteuerung aktiviert?

T minus 15 Minuten

  1. Videokonferenzmeeting für die Teilnehmenden starten
    • eventuell einen oder mehrere Breakout-Räume mit freier Raumwahl zum informellen Austausch der Zoomies starten
      • z.B. die Räume „Kaffee“, „Tee“ und „Heiße Schokolade“ oder
      • die Räume „Saft“, „Limonade“ und „Wasser“
      • oder Räume nach Studiengängen, Anfangsbuchstaben der Namen, Geburtsmonaten, etc.
    • im Hauptraum der Videokonferenz eine Willkommensfolie teilen, so dass Teilnehmende wissen, dass sie im richtigen Meeting sind (nur diese Folie, nicht den gesamten Bildschirm teilen, so dass man als Lehrperson eventuell noch ein bisschen in den anderen Materialien klicken kann, ohne dass das alle Zoomies sehen)
    • eventuell das Desktop-Audio freigeben und Wartemusik in die Videokonferenz einspielen (Lizenzhinweis auf der Willkommensfolie notwendig?)
    • eventuell Raumkameras aktivieren und in geeigneter Ansicht (Privatsphäre der Roomies beachten) teilen
    • eigenes Mikrofon zunächst stummschalten
  2. eventuell parallelen Stream starten
    • falls vorher in Zoom der gesamte Bildschirm geteilt wurde, möglicherweise kurzzeitig die Bildschirmfreigabe beenden, so dass die Weiterleitung zum Streaming-Dienst nur lokal sichtbar ist
    • Hinweis einblenden, wann die eigentliche Lehrveranstaltung startet
  3. eventuell ein Foto machen und in den sozialen Medien teilen
  4. eventuell etwas Smalltalk mit den Studierenden vor Ort machen, eventuelle erste Fragen der Zoomies im Chat beantworten

T minus 1 Minuten

  1. gewünschten Bildschirminhalt freigeben
    • bei geplantem häufigem Wechsel zwischen verschiedenen Anwendungsfenstern einfach den gesamten Bildschirm freigeben, sonst sicherheitshalber nur die eigentlichen Folien
    • Desktop-Audio mit freigeben, wenn nötig, z.B. für die Hintergrundmusik in interaktiven Quizzen, kurze Audio- oder Videoeinspielungen oder andere Signaltöne von Anwendungen
  2. gegebenenfalls die Wartemusik ausschalten
  3. gegebenenfalls die Breakout-Räume schließen
  4. letzter Soundcheck vor Ort mit dem Hörsaalmikrofon
  5. letzter Soundcheck im Videokonferenzsystem
  6. Stummschaltung der Mikrofon(e) aufheben

T (Go)

  1. Lernende begrüßen, sowohl im Raum als auch in der Videokonferenz
  2. Roomies bitten, kurzzeitig in die Raumkamera zu schauen und z.B. zu winken, um die Zoomies zu begrüßen, danach die Raumkamera eventuell ausblenden
  3. Zoomies bitten, kurzzeitig ihre Kameras einzuschalten und z.B. zu winken, um die Roomies zu begrüßen
  4. alle noch mal auf die Herausforderungen des Hybridformats hinweisen und bitten, technische Schwierigkeiten (z.B. wenn etwas nicht zu sehen oder zu hören ist), die auch unabsichtlich auftreten können, möglichst frühzeitig zu melden, z.B. per Chat oder durch einen kurzen mündlichen Hinweis
  5. bei geklontem Bildschirm am Laptop und Beamer die Zoomies darauf hinweisen, dass Privatnachrichten im Chat an die Lehrperson möglicherweise für alle Roomies sichtbar im Raum angezeigt werden, alternative Kanäle wie E-Mail oder einen Messenger vorschlagen
  6. lehren, mit den Lernenden interagieren, aktivieren, moderieren, diskutieren, selbst lernen, Spaß haben, experimentieren, quizzen, Umfragen durchführen, etc.
    • eventuelle Kleingruppenarbeiten im Breakouträumen für die Zoomies bzw. in Murmelgruppen für die Roomies
    • Zeit im Blick behalten
    • wenn etwas nicht funktioniert auf Plan B umschalten oder mit dem nächsten Punkt weitermachen
    • nebenbei immer mal in den Chat oder ein paralleles Online-Werkzeug zum Sammeln von Fragen schauen, eventuell durch eine studentische Co-Moderation unterstützen lassen

T plus 90 Minuten (oder wie lange der Spaß auch immer dauert)

  1. eventuell die reinen Online-Zuschauenden im parallelen Stream verabschieden
  2. Stream deaktivieren
  3. Zoomies verabschieden, eventuelle abschließende Fragen klären, alle noch mal kurz in die Kamera Winken und laut Tschüss sagen lassen
  4. Roomies verabschieden, alle noch mal kurz in die Raumkamera winken lassen, wenn vorhanden
  5. Videokonferenzmeeting ausschalten, falls noch Austausch unter den Zoomies notwendig und gewünscht ist, eine bekannte und vertrauenswürdige Personen zum Host machen und das Meeting so weiterlaufen lassen, eventuell auch mit Breakout-Räumen
  6. eventuelle abschließende Fragen mit den Roomies klären
  7. gegebenenfalls erarbeitete Lernartefakte wie Skizzen, Whiteboards, Etherpads, etc. abspeichern und den Chat sichern

Technik zusammenbauen

  1. Beamer ausschalten, HDMI-Kabel trennen
  2. Laptop in den Standby-Modus versetzen bzw. herunterfahren
  3. Kameras(s) und Mikrofon(e) abbauen
  4. alles sicher für den Transport verstauen
  5. gegebenenfalls geliehene Technik zurückbringen

Nachbereitung

  • Aufzeichnung und Lernprodukte mit den Lernenden teilen, z.B. über die Lernplattform
  • für einen größeren Kreis spannende Erkenntnisse eventuell in den sozialen Netzwerken teilen
  • Kleinigkeiten in den Lehrmaterialien verbessern, die einem aufgefallen sind
  • Lehrveranstaltung reflektieren (Was lieft gut? Wo gab es Verbesserungsbedarf?)

Die Liste ist für dich hilfreich? Deiner Meinung nach fehlt ein wichtiger Punkt? Schreib etwas in die Kommentare!

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Personalisierte Aufgaben und anonymer Peer Review mit FeedbackFruits

Die Idee, unseren Bachelorstudierenden in der Lehrveranstaltung „Grundlagen der Elektrotechnik“ an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg während des Semesters personalisierte Übungsaufgaben zum Entwickeln und Testen der entsprechenden Lösungskompetenzen zur Verfügung zu stellen, existiert schon seit einigen Jahren. Die konkreten Aufgabenstellungen sind dabei personalisiert bzw. randomisiert, so dass die Studierenden zwar die Möglichkeit haben und auch ermutigt werden, sich untereinander austauschen sowie gegenseitig bei der Lösung zu beraten und zu unterstützen, jedoch nicht einfach voneinander plagiieren können. Eingereicht werden von den Studierenden dann handschriftliche Lösungen der elektrotechnischen Problemstellungen, die das Schreiben von Formeln und mathematischen Herleitungen oder Umformungen sowie das Zeichnen von Schaltbildern, Diagrammen oder Skizzen sehr einfach machen. Handschriftliche Lösungen sind gegenüber einfachen Multiple-Choice-Fragen oder Zahlenwert-Einheit-Aufgaben auch besser geeignet, den Ansatz und Rechenweg sichtbar zu machen sowie studentischen Fehlvorstellungen oder Misskonzepte aufzudecken.

Um den Korrekturaufwand für die Lehrenden gering zu halten und den Studierenden zeitnahe und authentische Rückmeldung zu ermöglichen, korrigieren sich die Studierenden dann gegenseitig in einem doppelblinden Peer-Review-Verfahren anhand ebenso personalisierter Musterlösungen. Zur extrinsischen Motivation bekommen die Studierenden bei uns Zusatzpunkte für die Lösung der Aufgaben, die zur Prüfungszulassung hilfreich sind.

Wo bekommt man die passenden personalisierten Aufgaben her?

Die personalisierten Aufgaben und zugehörigen Musterlösungen werden in meinem Fall algorithmiert und automatisiert über ein MATLAB-Skript erzeugt, das LaTeX-Quelltexte generiert und zu PDF-Dateien kompiliert. Man könnte solche Aufgaben natürlich auch über ähnliche Skriptsprachen generieren, solange Aufgaben und Musterlösungen irgendwie algorithmierbar sind und sich auch für einen Computer „kochrezeptartig“ lösen lassen. Funktioniert das nicht, kann man als Lehrperson immer noch händisch viele verschiedene Aufgaben generieren bzw. diese Herausforderung auch gemeinsam mit Studierenden bzw. den Lernenden angehen, die gerade bei der Konzeption von Aufgaben (z.B. am Ende einer Lehrveranstaltung für die nächste Kohorte) sehr hohe Kompetenzen der Bloomschen Taxonomie wie Analysieren, Synthetisieren oder Evaluieren entwickeln und anwenden müssen. Wichtig ist natürlich, dass die entwickelten Aufgaben alle gut zum Lehrinhalt passen und für die Studierenden mit ähnlichem Aufwand zu bearbeiten und zu lösen sind.

Wie läuft das technisch ab?

Zur Verteilung der Aufgaben an die Studierenden, zur Einreichung der Lösungen, zur anschließenden Verteilung der eingereichten Lösungen und der zugehörigen Musterlösungen sowie zur abschließenden Einreichung der gegenseitigen Korrekturen benötigt man natürlich ein internetbasiertes System, damit das ganze Verfahren nicht in einen aufwendigen „Papierkrieg“ mündet.

In der bisherigen Vorgehensweise habe ich die Aufgaben per E-Mail über ein MATLAB-Programm automatisiert an die Studierenden verschickt. Nach der Bearbeitung haben diese ihre Lösungen über ein Formular in unserem Lernmanagementsystem Moodle eingereicht. Aus diesem habe ich dann händisch die Lösungen extrahiert und über ein weiteres MATLAB-Programm automatisiert zusammen mit passenden Musterlösungen per E-Mail an die Studierenden verschickt. Die gegenseitigen Korrekturen luden die Studierenden dann erneut über ein Moodle-Formular hoch. Ich musste diese wieder händisch extrahieren, über ein weiteres externes MATLAB-Programm zuordnen, auswerten und den Studierenden inklusive ihrer erreichten Punktzahl in einer weiteren E-Mail zukommen lassen.

Das beschriebene Verfahren ist natürlich recht aufwendig und fehleranfällig, insbesondere wenn Studierende sich nicht genau an die vorgesehene Vorgehensweise halten und z.B. seltsame Dateiformate einreichen, Lösungen bzw. Korrekturen in die falschen Einreichungsformulare hochladen oder vergessen eine maschinenlesbare Punktzahl einzugeben. Bisher „kostete“ mich ein Durchlauf insgesamt etwa einen vollen Arbeitstag, inklusive der Beantwortung studentischer Rückfragen. Außerdem konnte ich bisher, trotz vieler Webinare, Vorträge, Workshops und Veröffentlichungen nur wenige andere Lehrpersonen motivieren, ein ähnliches Verfahren in ihren Lehrveranstaltungen umzusetzen, was vielleicht auch daran liegt, dass meine MATLAB-Skripte (obwohl gut kommentiert und dokumentiert) und deren Nutzung vermutlich doch nur für mich verständlich sind, insbesondere wenn mal etwas nicht wie vorgesehen funktioniert (z.B. weil sich die als eindeutiges Identifikationsmerkmal genutzten studentischen E-Mail-Adressen ändern, wenn Studierende eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft antreten).

Wie hilft FeedbackFruits (und was ist das überhaupt)?

Verbessern lässt sich das beschriebene Verfahren natürlich durch ein Plugin in einem Lernmanagementsystem, das viele (oder im Idealfall alle) der nötigen Prozessschritte automatisch umsetzen kann. Für Moodle gibt es bereits ein solches Plugin namens „Gegenseitige Beurteilung“, das aber keine individualisierten Aufgabenstellungen ermöglicht und sowohl für die administrierende Lehrperson als auch für die nutzenden Studierenden teilweise recht umständlich und wenig intuitiv in der Nutzung ist, was vielleicht auch an dem nicht mehr ganz zeitgemäßen Umsetzung der grafischen Schnittstelle liegt.

Darüber hinaus gibt es externe Tools zur gegenseitigen Begutachtung studentischer Lösungen wie z.B. das Peer-Review-Plugin von FeedbackFruits, einem niederländischen EdTech-Unternehmer, das 2012 im Fachbereich Physik an der Technischen Universität Delft gegründet wurde. Das von dort entwickelte und gepflegte Peer-Review-Plugin lässt sich sowohl für Studierende als auch für Lehrpersonen insbesondere von mobilen Endgeräten aus deutlich einfacher und intuitiver bedienen, was sicher auch an der ansprechenden und modernen Aufmachung liegt. Studierende sehen dort sehr eindeutig den jeweiligen Status ihrer Einreichungen und werden einfach durch die notwendigen weiteren Schritte geführt. Die gegenseitige Begutachtung kann direkt über den Browser erfolgen und benötigt keine weiteren externen Werkzeuge, so dass Medienbrüche und manuelle Down- und Uploads von Datensätzen und Dateien vermieden werden. Rückfragen zur Bewertung, z.B. bei Unklarheiten oder vermeintlich falscher Beurteilung, können ebenso direkt in der Weboberfläche gestellt werden. Auch die Studierenden in meiner Lehrveranstaltung bestätigen die einfache und intutitive Nutzung sowie die übersichtliche Überfläche von FeedbackFruits, wie die Ergebnisse dieser Umfrage am Ende des Sommersemesters 2022 zeigen.

Wie funktioniert die Umsetzung in FeedbackFruits?

Die technische Umsetzung erfolgt in drei groben Prozessschritten:

  1. Zunächst registrieren sich die Studierenden im Moodle-Kurs der Lehrveranstaltung und in der FeedbackFruits-Aktivität. Wie bisher lade ich mir dann eine Liste aller Studierenden herunter, um für jede*n aus MATLAB heraus eine entsprechende Aufgabe und Musterlösung zu erzeugen, und zunächst lokal abzuspeichern. Die Aufgaben werden dann ebenso automatisiert per E-Mail an die Studierenden verschickt.
  2. Die Studierenden bearbeiten nun ihre Aufgaben und reichen ihre Lösungen über die FeedbackFruits-Aktivität im Moodle ein. Dort finden sie nach der Einreichungsfrist auch die zu begutachtenden Lösungen ihrer Kommiliton*innen und entsprechende Bewertungsformulare, die einfach und intuitiv zu bedienen sind. Die zugehörigen Musterlösungen lade ich zu gegebener Zeit aus dem vorher erstellten lokalen Order auf einen universitätseigenen Webserver hoch. Die Studierenden greifen über einen Link auf die Musterlösungen zu, der jeweils als individueller QR-Code auf jedem Aufgabenblatt enthalten ist. Damit das funktioniert, müssen die Studierenden das Aufgabenblatt bzw. zumindest den QR-Code zusammen mit der Lösung einreichen. An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Erweiterung um einen individuellen QR-Code pro Aufgabe meine eigene Ergänzung des Systems ist und nicht originärer Teil von FeedbackFruits ist.
  3. Nachdem die Studierenden ihre gegenseitigen Begutachtungen in der FeedbackFruits-Aktivität eingereicht haben, können sie ihr erhaltenes Feedback anschauen und gegebenenfalls kommentieren. Außerdem können sie eine kurze Reflexion zur Aufgabe, ihren Herausforderungen bei der Lösung und dem empfundenen Kompetenzzuwachs schreiben. Natürlich können die Studierenden zur Kontrolle auch auf ihre eigenen Musterlösungen zugreifen. Die erhaltene Punktzahl wird nach einem Export aus der FeedbackFruits-Aktivität in der Bewertungstabelle im Moodle-Kurs gespeichert.

Aus Sicht der Lehrperson ist es sehr einfach, die entsprechende FeedbackFruits-Aktivität in einem Moodle-Kurs anzulegen. Das geht über „Aktivität oder Material anlegen“ und „Externes Tool hinzufügen“. Die nötige Verknüpfung zum FeedbackFruits-Server über die LTI-Schnittstelle muss zuvor einmal angelegt werden, was allerdings schnell und einfach mit Hilfe des FeedbackFruits-Support-Teams erledigt werden kann. Aus den vielfältigen Aktivitätstypen von FeedbackFruits wird dann „Peer Review“ ausgewählt.

Innerhalb der Peer-Review-Aktivität von FeedbackFruits wird man dann als Lehrperson durch die verschiedenen Schritte der Konfiguration geführt.

  1. Aufgabenstellung (Instructions)
  2. Einreichung (Submissions)
  3. Gegebenes Feedback (Given reviews)
  4. Bekommenes Feedback (Received reviews)
  5. Reflexion (Reflections)
  6. Bewertung (Grading)

Dabei müssen nacheinander Einstellungen für die einzelnen Schritte getroffen werden, die jeweils sehr gut verständlich beschrieben und intuitiv nutzbar sind.

Die Formulare aus studentischer Sicht sind ähnlich aufgebaut, klar strukturiert und ebenso intuitiv nutzbar. Auf jeder Seite gibt es außerdem einen blauen Chat-Button, der eine Verbindung zum FeedbackFruits-Support herstellt. Insgesamt lässt sich damit der ganze Prozess des gegenseitigen Gebens und Erhaltens von studentischem Feedback bzw. der gegenseitigen Bewertung von Einreichungen sehr einfach strukturieren und effizient abwickeln.

Wichtigster Vorteil für mich als Lehrperson: Der Zeitaufwand pro Aufgabendurchlauf ist dadurch von etwa einem Arbeitstag auf einen halben Arbeitstag gesunken. Durch weniger Möglichkeiten der studentischen Fehlbedienung des Systems gab es weniger Fälle, in denen ich händisch etwas korrigieren musste, was natürlich auch zu weniger Nachfragen führt.

Welche Herausforderungen gibt es dabei noch?

Das häufigste Problem war tatsächlich, dass die Studierenden vergessen haben, den QR-Code mit einzureichen, der die Zuordnung der jeweiligen Musterlösung möglich macht. Die Quote der Studierenden, die das vergaß, nahm naturgemäß im Laufe des Semesters ab, erreichte aber leider nie Null. Das erzeugte unnötige Nachfragen per E-Mail an mich als Lehrperson, die teilweise auch zu Verzögerungen im Bewertungsprozess führten. Eine Möglichkeit, die personalisierten Aufgaben und Musterlösungen automatisch im System zu speichern, würde den QR-Code obsolet machen und dieses Problem lösen.

Weiterhin gab es seltene Darstellungsprobleme mit PDF-Dateien, die auf bestimmten Endgeräten mit bestimmten Programmen erzeugt wurden. Dieses Problem lässt sich bei der Vielzahl von PDF-Programmen und Konvertern sicher nie ganz aus dem Weg räumen, konnte vom FeedbackFruits-Support aber meist gelöst werden. Hilfreich wäre hier sicher eine Bestätigung beim Upload, ob die eingereichte Datei auch lesbar und darstellbar ist. Eine solche Bestätigung würde auch verhindern, dass Studierende aus Versehen eine falsche Datei von ihrem Endgerät auswählen und hochladen.

Ebenso störten sich einige Studierende daran, keine halben Punkte vergeben zu können, was z.B. bei Vorzeichenfehlern und fehlenden Einheiten durchaus zur Abstufung nützlich sein kann. Auch eine kurze Bestätigung der tatsächlich vergebenen Punktzahl vor der gegenseitigen Bewertung wurde als sinnvoll eingestuft, um nicht unbeabsichtigt eine falsche Bewertung zu geben, was z.B. auf Geräten mit Touchscreen schnell passiert, wenn man aus Versehen beim Absenden der Bewertung noch einen Schieberegler der Bewertung verstellt.

Außerdem wären zur Bewertung von handschriftlichen Lösungen natürlich auch handschriftliche Ergänzungen und Kommentare in den gegenseitigen Korrekturen sehr sinnvoll. Eine solche Option setzt natürlich auch einen Laptop bzw. Tablet-PC mit beschreibbarem Bildschirm oder ein Zeichentablet voraus. Eine derartige technische Ausstattung ist aber mittlerweile bei vielen Studierenden vorhanden.

Wie geht es weiter?

Nachdem der technische Ablauf der gegenseitigen Begutachtung einfach und effizient funktioniert, kann man sich als Lehrperson weiter mit der Verbesserung der Qualität und Fairness der gegenseitigen studentischen Gutachten beschäftigen und z.B. folgenden Fragen nachgehen:

  • Welche Hilfe, Anleitung und Unterstützung benötigen Studierende, um die Lösungen ihrer Kommiliton*innen nicht nur fachlich korrekt, sondern auch möglichst lernwirksam und konstruktiv zu bewerten?
  • Wie kann man die Fairness des Verfahrens steigern und absichtlich oder unabsichtlich falsche (also zu gute bzw. zu schlechte) gegenseitige Bewertungen besser erkennen oder vermeiden?
  • Inwieweit kann und sollte man als Lehrperson zumindest stichprobenartig weiter in die studentischen Lösungen und gegenseitigen Bewertungen schauen, auch wenn das technische Verfahren problemlos läuft und das eigentlich nicht notwendig macht?

Außerfachlich ist es auch wünschenswert, weiter an einer allgemein konstruktiven, offenen und wertschätzenden Feedback- und Fehlerkultur zu arbeiten, die Fehler nicht als Mangel, sondern als notwendige Effekte in einem Lernprozess auffasst. Fehler sind dabei nicht unbedingt zu vermeiden, sondern notwendig, um einen Sachverhalt im Sinne des Mastery Learning vollständig zu durchdringen und eine höhere Kompetenzstufe zu erreichen.

Perspektivisch ist es aus meiner Sicht sinnvoll und zielführend, Peer Feedback auch für Prüfungen nutzen, insbesondere für offene, authentische, kompetenzorientierte Aufgabenstellungen im Open-Book- und Open-Web-Kontext, die sich im Gegensatz zu geschlossenen Aufgaben oder Multiple-Choice-Fragen nur sehr schwer automatisiert korrigieren und bewerten lassen.