Bring-Your-Own-Device-Setup für hybride Lehrveranstaltungen

Vor ungefähr einem Jahr habe ich mal über einen Equipment-Koffer zur Digitalisierung von Lehrveranstaltungen gebloggt. Dort habe ich ein portables Equipment-Set vorgestellt, mit dem sich Lehrveranstaltungen streamen, aufzeichnen und archivieren, Podcasts und Erklärvideos produzieren, Tafeln, Flipcharts, Whiteboards, Experimente oder Lehrpersonen abfilmen sowie einfache hybride Lehrformate realisieren lassen. Seit dem ist gerade in Bezug auf hybride Lehrveranstaltungen viel passiert und viel ausprobiert worden. Aus den gesammelten Erfahrungen würde ich schlussfolgern, dass es einen solchen „Digitalisierungskoffer“ nun kaum noch für die reine Online-Lehre oder für die Erklärvideo- oder Podcast-Produktion braucht, denn alle Personen, die in diesem Bereich aktiv sind, haben mittlerweile die entsprechende Technik fest installiert zur Verfügung zu stehen. Stattdessen braucht es eine portable Technikausstattung eigentlich fast nur noch für hybride Lehr- und Lernformate, für die kein geeigneter fest ausgestatteter Raum vorhanden ist. Eine Variante für einen solchen „Hybridkoffer“ möchte ich in diesem Blog-Artikel vorstellen. Ein großer Dank für zahlreiche Inspirationen geht dabei an Andreas Sexauer vom KIT.

Ton

Das allerwichtigste für ein gutes Hybridlehre-Setup ist guter Ton. Ohne diesen läuft nichts. Die „Zoomies“ (bzw. Videokonferenzteilnehmenden) sollen nicht alle, aber die relevanten Stimmen der „Roomies“ (bzw. Vor-Ort-Teilnehmenden) hören. Dabei soll die Stimme klar und deutlich übertragen werden, ohne durch Raumhall und oder störende Nebengeräusche wie Husten, Stühlerücken, Trittschall, Lüfter, etc. überlagert zu werden. Ebenso möchten die Roomies auch die Stimmen der Zoomies klar und deutlich hören, z.B. bei Zwischenfragen, Kommentaren oder während Diskussionen. Bei mehr als einer handvoll Roomies geht das eigentlich nur über einen Lautsprecher, der aber potentiell Rückkopplungen erzeugt. Diese lassen sich eigentlich nur dann gut vermeiden, wenn alle Audioeingaben im Raum über den gleichen Rechner geschehen, über den auch die Lautsprecherausgabe läuft, damit die in der Videokonferenzsoftware integrierte Echounterdrückung funktioniert. Alternativ müsste man den/die Roomie mit eigenem Mikrofon und eigener Videokonferenzeinwahl selektiv am Lautsprecher-Rechner stummschalten, was kein mir bekanntes Videokonferenzsystem (nicht mal Zoom) zulässt. Weitere Alternative: Alle Roomies tragen (eigene?) Headsets bzw. Hörsprech-Garnituren mit Kopfhörern, so dass es selbst bei vielen Audio-Ein- und -Ausgaben kein Echo im Raum gibt.

Ansteckmikrofone

Ansteckmikrofone sind super, weil sie relativ dicht am Mund sind, trotzdem keine Atemgeräusche übertragen, wenig Raumhall aufnehmen und man gegenüber Handmikrofonen trotzdem beide Hände frei hat, was gut für Experimente, die Bedienung des Laptops oder das Schreiben an einer Tafel bzw. einem Whiteboard ist. Gegenüber Headsets sind sie auch weniger auffällig und störend am Kopf, jedoch vielleicht etwas anfälliger für Rückkopplungen. Natürlich benötigt man in der Hybridlehre Funk-Mikrofone, denn selbstverständlich möchte man als Lehrperson im Seminarraum oder Hörsaal nicht an einem Mikrofonkabel als Nabelschnur hängen. Ein Mikrofonsystem mit zwei oder sogar mehr Kanälen erlaubt das einfache gleichzeitige Sprechen von mehreren Personen, ohne den Einsatz von Raummikrofonen und ohne das Herumreichen von Mikrofonen.

Das funktionalste Ansteckmikrofon ist aus meiner Sicht das LARK 150 von Hollyland Technology. Das LARK 150 hat zwei Sender, die unabhängig voneinander funktionieren und sich an dem einem Empfänger automatisch mischen lassen, z.B. als Mono- oder Stereosignal. Die Mikrofone können sowohl am Sender als auch Empfänger einfach per Knopfdruck stummgeschaltet werden, z.B. wenn man sich mal Räuspern oder Nießen muss. Der größte Vorteil gegenüber anderen Mikrofonen ist aber die super-einfache Handhabung. Die sehr praktische Aufbewahrungsbox fungiert gleichzeitig als Ladeschale und Powerbank, die sich über eine USB-C-Buchse aufladen lässt. Nimmt man die Sender und den Empfänger heraus, schalten sie sich automatisch ein und verbinden sich. Steckt man Sender und Empfänger wieder in die Box, schalten sie sich automatisch aus und laden sich auf. Beim Auf- und Abbau muss man also nur ein Klinke-Klinke-Kabel an den Rechner (alternativ eine Klinke-zu-USB-Soundkarte) stecken.

Dagegen fallen anderen Mikrofone mit ebenso guten Klang wie z.B. das Go Mic Mobile Lavalier von Samson oder auch das Wireless GO von RØDE etwas ab, weil zum Betrieb oder immerhin zum Laden deutlich mehr Kabel auszupacken, zu stecken, zu entfernen und wieder einzupacken sind.

Raummikrofone

Raummikrofone nehmen, wie der Name vermuten lässt, den ganzen Raum auf. Das hört sich in der Theorie besser an, als es in der Praxis klappt, denn die meisten Räume an Hochschulen und Universitäten haben glatte Fußböden sowie kahle Wände und Decken, und erzeugen damit viel, oft sehr viel Raumhall. Eine einzelne Person mit einem Raummikrofon aufzunehmen, ist also ziemlich ungeschickt. Stattdessen ist ein Raummikrofon nur dann sinnvoll, wenn ein Zweikanal-Ansteckmikrofon nicht ausreicht, z.B. während sehr lebhafter Diskussionen, bei denen viele Leute schnell nach- und durcheinander reden. Hier kann man sich fragen, ob so etwas sinnvoll ist und ob Diskussionen nicht vielleicht doch etwas geordneter und moderierter ablaufen sollten, so dass ein Zweikanal-Mikrofon genügt, wobei die modierenden Person selbst einen Empfänger benutzt und den anderen Empfänger im Raum herumgibt. Das damit verbundene potentielle Covid-Ansteckungsrisiko halte ich persönlich für überschaubar im Vergleich zum sonstigen Ansteckungsrisiko innerhalb geschlossener Räumlichkeiten. Ansonsten nehmen Raummikrofon neben dem Raumhall, der sich zum Teil durch Softwarefilter recht gut unterdrücken lässt, natürlich weitere Störgeräusche (Husten, Papierrascheln, Tippgeräusche, Schritte, etc.) auf.

Raummikrofone sind üblicherweise auch nur an fest-installieren Videokonferenzsystemen verbaut. Wer sich der Vorteile, aber auch der Risiken und Nebenwirkungen bewusst ist und ein portables, günstiges, kleines Raummikrofon sucht, wird beim Speak 510 von Jabra fündig. Mit im Lieferumfang ist eine praktische Neoprentasche mit Reißverschluss. Die Verbindung wird über Bluetooth (auch mit Android-Geräten) oder einen USB-A-Stecker hergestellt. Das USB-Kabel ist aber recht kurz und reicht praktisch nur zu einem Laptop, der auf dem gleichen Tisch steht. Dafür gibt es eine ebenso praktische Kabelaufrollmöglichkeit um den Standfuß des etwa CD-großen Mikrofons. Mit dazu gibt es auch eine (optionale) Software für Windows und Mac, mit der man z.B. den Akkustand sieht und über die man auch ein paar Dinge einstellen kann (z.B. den Bluetooth-Namen oder die Tastenbelegung). Der Klang des Mikrofons ist nicht überragend, aber okay. Es ist halt wie immer: Jedes Mikrofon kling solange gut, bis man ein Mikrofon daneben stellt, das noch besser klingt.

USB- und Bluetooth-Raummikrofon Speak 510 von Jabra mit passender Neopren-Aufbewahrungstasche

Lautsprecher

Als Lautsprecher hat sich bei mir eine akkubetriebene Boombox BX 520 von Swisstone bewährt, die sich einfach per Bluetooth mit dem Rechner verbinden lässt. Diese ist an sich relativ robust gebaut, so dass es für den Transport im Rucksack keinen weiteren Schutzkoffer benötigt.

Akkubetriebener Bluetooth-Lautsprecher BX 520 von Swisstone (hier bei einer Outdoor-Hybrid-Übung)

Kamera

Nach dem Ton kommt das Kamerabild. Die Anforderungen an eine portable Hybridlehre-Kamera sind überschaubar. Solange man sich als Zoomie auf die Bildschirmfreigabe zur Inhaltsvermittlung verlassen kann, muss die Kamera ja „nur“ die Lehrperson und eventuell ein paar Teilnehmende im Raum zeigen. Wird eine klassische Tafel, ein Whiteboard oder eine Flipchart genutzt, muss das Kamerabild natürlich ermöglichen, dass man dort als Zoomie alles qualitativ gut lesen kann. Ansonsten muss die Kamera klein und leicht sein und sich möglichst schnell und einfach per USB mit dem Rechner verbinden lassen. Toll ist natürlich, wenn die Kamera sich einfach schwenken und zoomen lässt, bzw. dies in einem gewissen Rahmen sogar automatisch macht.

Meine Empfehlung für diesen Anwendungszweck ist die Tiny AI-Powered PTZ Camera von OBSBOT, die ich in der Full-HD-Variante nutze, die es mittlerweile aber auch mit 4K-Auflösung gibt, von der bei den Zoomies vermutlich aber nicht viel ankommt. Mit zwei Gesten lässt sich die Kamera auch berührungslos rein- und rauszoomen bzw. blockieren und in den Verfolgungsmodus bringen. Ansonsten erfüllen aber auch klassische Webcams wie die C920 oder BRIO von Logitech ihren Zweck (z.B. auch als Zweitkamera für Experimente) und lassen sich ebenso schnell auf- und abbauen. Toll für das Abfilmen von Experimenten sind auch Dokumentenkameras, die jedoch aufgrund der Größe und des Gewichts nicht wirklich portabel sind. Ebenso zum Abfilmen von Experimenten oder als improvisierte Raumkamera lassen sich auch Smartphones oder Tablet-PCs einsetzen.

KI-gesteuerte PTZ-Kamera von OBSBOT (Das gezeigte Netzteil ist nicht zum Betrieb notwendig. Das mitgelieferte USB-C-Kabel ist etwas kurz. Den Magnetfuß habe ich auch nie benutzt, da die Kamera direkt unten ein Stativgewinde besitzt.)

Zur flexiblen und sicheren Montage jeder Kamera braucht man natürlich noch ein Stativ. Ich nutze hier das klein packbare und sehr leichte „Element Traveller Carbon Stativ mit Kugelkopf“ von Manfrotto sowie das PIXI Mini-Stativ mit Smartphone-Halterung vom gleichen Hersteller.

Element Traveller Carbon Stativ mit Kugelkopf und PIXI Mini-Stativ mit Smartphone-Halterung von Manfrotto

Jetzt könnte man sich noch fragen, wie man das Kamerabild der Zoomies im Raum dargestellt bekommt. Ich gehe dabei davon aus, dass:

  • jeder Seminarraum/Hörsaal immerhin mit einem Beamer bzw. Projektor ausgestattet ist,
  • Zoomies sowieso selten und nur dann die Kamera anmachen, wenn das unbedingt notwendig ist und man deshalb auch auf die große und für alle Roomies sichtbare Darstellung der Kamerabilder verzichten kann, und
  • man zur Not immernoch einen kleinen portablen Beamer im Raum aufstellen könnte.

Licht

Eigentlich sollte gutes Licht vor einer guten Kamera stehen, aber die Lichtverhältnisse im Lehrveranstaltungsraum kann man sich selten aussuchen. Hier ist es ein bisschen wie beim Ton und Raumhall: Die meisten Räume sind lichttechnisch nicht sehr gut für hybride Lehrformate ausgestattet. Es gibt meist viel Licht von oben, das in der Kamera nicht gut aussieht. Flach einfallendes Sonnenlicht sorgt insbesondere im Winter für sich stark verändernde Lichtverhältnisse und potentielle Blendungen, die zu bestimmten Tageszeiten sehr störend sein können. Auch der Beamer bzw. Projektor selbst kann gegenenfalls die Kamera blenden. Hier hilft eigentlich nur das Verdunkeln und eigene Ausleuchten, was aber mit portablem Equipment nur in Grenzen möglich ist.

Eine bedingte Empfehlung sind hier die kleinen LED-Scheinwerfer Niova 150 Bi Color von Walimex Pro, die sich per Akku oder Netzteil betreiben und flexibel in der Helligkeit sowie Lichttemperatur anpassen lassen. Trotzdem wäre das Licht natürlich das Erste, auf das ich im Zweifel verzichten würde.

Rechner

Natürlich ist kaum ein Seminarraum oder Hörsaal mit einem fest-installierten Rechner ausgestattet. Dementsprechend gehört ein Notebook oder Laptop zur Standardausrüstung jeder „Hybridlehrperson“ und sollte eigentlich auch für jede*n Roomie Pflicht sein. Ich habe mich hier an mein Microsoft Surface Pro gewöhnt, dessen per Stift beschreibarer Bildschirm als improvisiertes Zeichentablett schon häufiger nützlich war. Außerdem ermöglichen die eingebaute Front- und Rückkamera weitere flexible Kameraperspektiven, z.B. als Fokus auf die Lehrperson oder ein Experiment. Was dagegen bei vielen aktuellen und flachen Notebooks nervt, ist die sehr begrenzte Anzahl an Schnittstellen (USB und HDMI), die das Mitführen weiterer Kabel und Adapter erfordert.

Microsoft Surface Pro als kompaktes und leistungsfähiges Notebook für die Hybridlehre

Software

Neben einem obligatorischen Videokonferenzssystem wie Zoom oder BigBlueButton ist natürlich OBS oder Twitch Studio zum Streamen nett, wobei die Rechenleistung üblicher Notebooks nicht zum direkten Streamen ausreicht und Umwege wie z.B. das Streamen aus Zoom nach Twitch erfordern. Mit dem kleinen Hilfsprogramm PenAttention kann man anwendungsunabhängig den Mauszeiger oder virtuellen Zeichenstift vergrößern, was Roomies und Zoomies beim Verfolgen hilft.

Transport

Zum Verpacken der einzelnen Komponenten habe ich mich erneut für robuste, leichte und ausreichend wasserdichte Pelicases entschieden. Die OBSBOT-Kamera und das LARK-150-Mikrofon passen dabei mit allen nötigen Kabeln perfekt in einen Pelicase-1120-Koffer.

Das Surface-Notebook passt inklusive der nötigen Adapter und USB und HDMI in einen flachen Pelicase-1070-Koffer.

Das Manfrotto-Stativ hat eine eigene gepolsterte Textiltasche. Alles zusammen passt problemlos in einen normalen Sportrucksack wie meinen Vaude Alpencross 30. Darin habe ich das BOYD-Hybridlehre-Equipment auch schon problemlos als Handgepack im Flugzeug mitgenommen, z.B. zu einem Flying-Faculty-Aufenthalt in Kasan in Russland.

Das BYOD-Hybridlehre-Equipment passt problemlos in einen mittelgroßen Rucksack.

Einsatz und Ausblick

Das gesamte Equipment wiegt je nach Umfang nur wenige Kilogramm und ermöglicht doch, einen „üblichen“ Raum für Präsenzlehrformate relativ rasch in einen hybriden Lehrraum zu erweitern. Da bis auf den Laptop alle weiteren Dinge per USB oder Akku mit Strom versorgt werden, sind dabei auch Auslandsaufenthalte mit möglicherweise anderen Steckdosen oder Outdoor-Einsätze unprobematisch, solange das Notebook und ein USB-Ladegerät zumindest zeitweise mit Energie versorgt werden können.

Aufgebautes und einsatzbereites BOYD-Hybridlehre-Equipment am German-Russian Institute of Advanced Technology in Kasan/Russland

Als Ergänzung zum beschriebenen Set würde ich mir noch ein kleines Zeichentablet (wie z.B. ein Wacom Intuos S) wünschen, das transportabel genüg für den Rucksack ist und im Idealfall mit in den Laptop-Koffer passt. Eine gute Projektionswand vorausgesetzt, ersetzt ein Zeichentablet die klassische Tafel bzw. ein Whiteboard und lässt sich auch im Raum herumgeben, so dass die Roomies damit ebenso „an die (virtuelle) Tafel“ schreiben können. Der Inhalt der virtuellen Tafel lässt sich dann natürlich einfach in hoher Qualität an die Zoomies übertragen und auch durch diese ergänzen. Außerdem lässt sich ein virtuelles Whiteboard einfacher durch Folien, Webseiten, Simulationsergebnisse etc. ergänzen und auch einfacher abspeichern und sichern.

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