Eine Outdoor-Hybrid-Übung auf der „grünen Wiese“ und in Zoom

Während der Corona-Pandemie wurde von Studierenden immer wieder der Wunsch nach Präsenz- oder Hybridformaten geäußert, die abseits reiner synchroner Videokonferenzen einen direkteren zwischenmenschlichen Austausch ermöglichen. Im Sommersemester 2021 wurde dafür von mir ein passendes Outdoor-Hybrid-Format entwickelt, erprobt und mehrfach durchgeführt, das ich hier etwas näher beleuchten möchte.

Eindruck vom ersten Produktivtermin einer Outdoor-Hybrid-Sprechstunde in den Grundlagen der Elektrotechnik

Idee

Um das Infektionsrisiko geschlossener Räumlichkeiten zu umgehen, habe ich als Lehrveranstaltungsort eine schattige, windgeschützte, ruhige, grüne Wiese auf dem Campus genutzt. Da draußen aufgrund des Umgebungslichts keine typischen Beamer oder Projektoren nutzbar sind, für eine Übung oder Sprechstunde in den Grundlagen der Elektrotechnik aber Skizzen, Formeln, Schaltbilder und Diagramme essentiell zur Diskussion von Lösungswegen sind, benötigte die „grüne Wiese“ auch eine Wand mit einem Haken, die das Aufhängen einer improvisierten Flipchart-Tafel erlaubt. Die gleichzeitige Teilnahmemöglichkeit für Studierende über ein Videokonferenzsystem ist möglich, benötigt aber eine recht umfangreiche technische Lösung (Laptop, Webcam, verschiedene Mikrofone und Lautsprecher, WLAN-Zugang, etc.), die ich unten beschreibe.

Einbettung in die restliche Lehrveranstaltung

Die übergeordnete Lehrveranstaltung zu den Grundlagen der Elektrotechnik bestand aus einem wöchentlichen synchronen Online-Plenum mit Audience-Response-Fragen, kleinen Experimenten und der Besprechung von Beispielen sowie mehreren wöchentlichen Online-Übungsterminen. Außerdem gab es für die Studierenden einen asynchron nutzbaren Wochenplan mit empfohlenen Seiten im Buch/Skript, Übungsaufgaben, besonders einfachen Einstiegsaufgaben, personalisierten Zusatzaufgaben mit anonymem Peer Review, interaktiven Quizzen und kurzen Erklärvideos. Alle diese Angebote waren aber rein digitaler Natur, ebenso ein wöchentliche Online-Sprechstunde als optionaler Termin zum Stellen von Fragen und der Diskussion lehrveranstaltungsbezogener Themen, die parallel bei Zoom und Twitch übertragen wurde.

Der Wunsch nach Präsenzformaten wurde immer wieder geäußert, jedoch waren gerade zu Beginn des Semesters die Inzidenzen sehr hoch und die Universität deshalb berechtigterweise zu großen Teilen geschlossen. Ein Hybridformat im Außenbereich erschien aber möglich und würde Studierende, die aus verschiedensten Gründen (Infektionsrisiko, Quarantäne, aktueller Wohnort ist nicht Studienort, …) nicht in Präsenz teilnehmen können, nicht ausschließen. Da die Akustik und Sichtbedingungen vor Ort aber nur eine begrenzte Teilnehmendenanzahl zulassen und ich nicht sicher war, wie gut das alles funktioniert, habe ich mich dafür entschieden, nicht die Vorlesung oder einer der Übungen, sondern eben die fakultative Sprechstunde als Outdoor-Hybrid-Variante umzusetzen. Als Lehrperson konnte ich dabei Fragen beantworten, Beispiele besprechen, Ansätze und Lösungswege vorstellen und diskutieren sowie Studierende bei der Aufgabenbearbeitung begleiten. Die Studierenden konnten Fragen stellen, die Beispiele und Lösungswege nachvollziehen, Partner*innen für Gruppenarbeiten sowie Lerngruppen finden und sich gegenseitig näher kennenlernen.

Technik

Eine solche Outdoor-Hybrid-Lehrveranstaltung benötigt eine recht umfangreiche technische Lösung:

  • Eine USB-Webcam mit USB-Verlängerungskabel auf einem Stativ nimmt die Flipchart und den Bereich herum auf. (Alternativ kann man dafür auch ein aktuelles Smartphone mit guter Kamera auf einem Stativ benutzen, ins WLAN einbinden und über die Zoom-App in die Videokonferenz einspeisen.)
  • Eine eventuell zweite Kamera (z.B. die Rückkamera eines Laptops) filmt die das Auditorium vor Ort für die Zoom-Teilnehmenden. Das erfordert aber natürlich die Zustimmung der Studierenden.
  • Eine eventuell dritte Kamera (z.B. die Frontkamera eines Laptops) nimmt nur die Lehrperson für etwas längere Erklärungen ohne die Flipchart auf.
  • Eine akkubetriebener Bluetooth-Lautsprecher macht die Fragen und Diskussionbeiträge der Online-Gruppe auch draußen gut hörbar. (Alternativ kann auch ein Student als Co-Host per Kopfhörer nebenbei dem Zoom-Meeting zuhören und entsprechende Mitteilungen für die Präsenzgruppe wiederholen und moderieren.)
  • Ein Funk-Ansteck-Mikrofon für die Lehrperson sorgt für guten Ton in Zoom.
  • Eine Funkmikrofon für Zwischenfragen der Studierenden vor Ort ermöglicht, dass diese auch direkt in Zoom gehört werden (idealerweile laufen beide Funkmikrofone über den gleichen Funkempfänger, so dass kein Mischer und keine manuelle Umschaltung erforderlich ist).
  • Die Lehrperson benötigt einen Laptop zum Anschluss der Kamera und Mikrofone und zur Übertragung in Zoom.
  • Der Laptop benötigt dafür natürlich einen WLAN-Zugang auf der grünen Wiese. Hier konnte ich einfach den WLAN-Zugang durch die Fensterfront eines nahes Universitätsgebäudes nutzen.
  • Um den Laptop bei längeren Sessions zwischendurch eventuell nachzuladen, ist eine 12-V-Autobatterie mit Inverter auf 230-V-Wechselspannung nützlich.
  • Studierende freuen sich eventuell auf Hockern oder Klappstühlen sitzen zu können und nicht zu stehen oder auf den Boden ausweichen zu müssen.
  • Ein Laptopständer sorgt für eine ergomische Arbeitshöhe.
  • Wasserdichte und robuste Transportkoffer sind optional als Schutz für die empfindlichen elektronischen Geräte nützlich, insbesondere wenn das Wetter nicht sehr stabil ist.
  • Ich schwöre außerdem auf meinen Rollwagen (ein Krane AMG 750) für das ganze Equipment, der sich auch umklappen und als mobiler Tisch nutzen lässt.

Außerdem benötigt man natürlich eine Flipchart oder etwas ähnliches als Tafel-Ersatz sowie passende Stifte, die gut decken und im Kamerabild genügend Kontrast erzeugen. Dabei können die typischen Farben schwarz, blau, grün und rot sinnvoll für verschiedene Inhalte genutzt werden (z.B. schwarz für die Aufgabenstellung, blau für nötige Formeln aus der Literatur, grün für die Lösung und rot für die Diskussion typischer studentischer Fehler). Als große Schreibfläche habe ich drei Flipchart-Blöcke nebeneinander auf eine alte Aluminiumgardinenstange getackert, in deren Nut ich mit einem Hammer etwas Holz aus alten Silvesterraketenstöcken eingetrieben hatte. Etwas Maurerschnur und einige Kabelbinder dienten zur Befestigung der Stange an einem Haken, der irgendwie auch zur rechten Zeit in der richtigen Höhe an der gelben Garagenrückwand war.

Die Studierenden benötigen als Arbeitsmaterialien genau wie in anderen Lehrveranstaltungen eventuell auch (eigene) Laptops oder andere digitale Endgeräte, Notizblöcke bzw. Arbeitsmappen sowie Stifte und optional Taschenrechner.

Softwaretechnisch bietet Zoom alle Möglichkeiten für vernünftige Einstellungen. Der Audioeingang läuft über den gemeinsamen Empfänger für Ansteck- und Handmikrofon. Die Audioausgabe geht an die Bluetooth-Box. Als primäres Kamerabild habe ich meine Surface-Frontkamera freigegeben, so dass sie ein Portraitbild von mir aufnimmt, wenn ich vor dem Laptop stehe. Die Zweitkamera für die Flipchart hatte ich dann als Bildschirmfreigabe in Zoom geteilt.

Logistik

Ich habe zum Beginn des Semesters alle nötigen Sachen zusammengesucht, auf den Rollwagen gepackt und diesen im Labor geparkt. Etwa 30 Minuten vor Lehrveranstaltungsbeginn ging es dann damit etwa 5 Minuten über den Campus zur Wiese. Der Aufbau dauerte typischerweise weitere 15 Minuten. Nach einem kurzen Technikcheck war ich dann einsatzbereit. Nach Ende der Lehrveranstaltung brauchte ich meist weitere 30 Minuten, bis alles wieder zusammengepackt, zurückgefahren und zum nächsten Einsatz bereit im Labor stand.

Nötiges technisches Equipment für eine Outdoor-Hybrid-Übung auf dem Rollwagen vor unserem Fakultätsgebäude

Beispielhafter Ablauf

Die Studierenden trudelten meist während meiner Aufbauphase ein, machten Smalltalk und führten informelle Gespräche, bis es wirklich losging, zumindest die Vor-Ort-Studierenden. Die Zoom-Teilnehmenden kamen meist pünktlich auf die Minute, sagten dann aber zumindest kurz Hallo. Sobald alle bereit waren, begrüßte ich dann noch mal offiziell alle Teilnehmenden vor Ort und in Zoom, erklärte gerade in den ersten Terminen noch mal kurz das Hybridsetting, führte kurz in das aktuelle Wochenthema ein und ermunterte alle zum Stellen von Fragen, denn davon lebt eine Sprechstunde. Tatsächlich war gerade vor Ort die Hemmschwelle deutlich geringer und die Studierenden stellten Fragen auf Basis der von ihnen bearbeiteten Aufgaben. Ich als Lehrperson gab die Fragen dann oft zurück in die Runde, so dass wir schrittweise gemeinsam eine Antwort entwickeln konnten, die ich Form von Gleichungen, Schaltbilder und Diagrammen an der Flipchart festgehalten habe. Relativ selten haben Vor-Ort-Studierende auch mal etwas an die Flipchart geschrieben. Die Online-Teilnehmenden können das natürlich nicht und sehen nur den Anschrieb auf der Flipchart, interagieren dann aber über den Audiokanal bzw. über den Chat, wenn es Anschlussfragen, Unklarheiten oder Kommentare dazu gibt. Als Ergebnissicherung habe ich dann stets die finalen Mitschriften auf der Flipchart-Tafel abfotografiert und als Fotos im Nachrichtenforum unseres Moodle-Kurses geteilt.

Beschriebene Flipchart-Tafel am Ende einer Sprechstunde

Vorteil für mich: Ich kenne natürlich fast alle unsere Aufgaben aus dem Übungsheft und kann da überall ohne große Vorbereitung etwas fundiertes zu sagen. Ansonsten wäre es vielleicht didaktisch sinnvoll, als Lehrperson Fragen auf ein bestimmtes Gebiet einzuschränken, auf das man sich dann auch noch mal etwas spezifischer vorbereitet hat.

Vorteile des Hybridformats

Als Motivation und Anreize für die lokale Teilnahme vermute ich folgende Punkte:

  • man sieht die anderen Studierenden und Kommiliton*innen sowie die Lehrperson mal als ganzen Menschen und auch ohne Mund-Nasen-Schutz
  • man kann sich vorher oder im Anschluss einfach informell unterhalten
  • Alle Teilnehmenden sind nicht wie in Zoom in einer gemeinsamen Audiodomäne. Das heißt, man kann sich auch mal nebenbei mit seinem Sitznachbarn oder der Lerngruppe unterhalten, ohne dass das alle anderen hören und dabei fachspezifische (und natürlich auch außerfachliche) Dinge diskutieren, wenn es leise genug ist, um die anderen Teilnehmenden nicht zu stören.
  • man ist an der frischen Luft und sich auch etwas bewegen, statt nur still zu setzen oder zu stehen
  • es bringt ein bisschen Abwechslung in Ergänzung zu reinen Online-Lehrformaten
  • man kann die gastronomische Versorgung auf dem Campus nutzen (Mensen, Cafeterien, etc.)
Lebhafte Diskussionen während der Outdoor-Hybrid-Übung gab es zumindest zwischen den lokalen Teilnehmenden

Für die reine Online-Teilnahme sprechen dafür aus meiner Sicht folgende Punkte:

  • man muss nicht zur Universität fahren
  • man kann einfacher mitschreiben, da man wohl meist an einem Tisch sitzt
  • man kann einfacher Numeriksoftware/Simulationsprogramme an einem Computer nutzen

Gern bin ich hier an anderen Vor- und Nachteilen aus anderen Sichtweisen interessiert, die gern im Kommentarbereich ergänzt werden können.

Nachteile des Hybridformats

Eine erste organisatorische Herausforderung ist eine Anmeldemöglichkeit der lokalen Teilnehmenden, die zwar zusätzlichen Aufwand erzeugt, aber die Abschätzung der Anzahl der zu erwartenden Studierenden und eine spätere Kontaktverfolgung ermöglicht. Eine solche Anmeldemaske habe ich in unserem Moodle-Kurs angelegt. Da der Andrang aber auch nach mehreren Terminen überschaubar blieb, habe ich im weiteren Semesterverlauf auf einen vorherige Anmeldung der Präsenzteilnehmenden verzichtet.

Die zweite Herausforderung, die speziell Outdoor-Hybrid-Formate betrifft, ist das Wetter. Schlechtes Wetter erfordert eine kurzfristige Absage, wofür ein Nachrichtenforum im Moodle-Kurs nützlich ist. Wechselhaftes Wetter erfordert robustes Equipment. Zu starker Wind ist ungünstig für die Tonqualität und macht dem Papier der Flipchart zu schaffen. Greller Sonnenschein ist unangenehm und kann zu Reflexionen im Kamerabild führen.

Aus didaktischer Sicht ist es in Hybridformaten generell schwierig, auf beide Zielgruppen (lokal und online) einzugehen. So ist es z.B. sinnvoll, Fragen und Arbeitsanweisungen konkret, eindeutig und möglicht klar für beide Zielgruppen zu formulieren. Außerdem besteht weiterhin die Schwierigkeit, den visuellen und akustischen „Hybriditätsgraben“ zwischen den lokalen und online-zugeschalteten Teilnehmenden zu überwinden. Bei wenigen und kurzen Zwischenfragen sollte man als Lehrperson die Frage kurz wiederholen und erst dann beantworten (oder die Frage noch mal anders in der Antwort verpacken). Bei lebhafteren Diskussionen kann stattdessen eine/n Student*in vor Ort das Handmikrofon übernehmen und darüber auch die Fragen und Kommentare der anderen Vor-Ort-Studierenden für die Online-Teilnehmenden formulieren und zusammenfassen.

Gegenüber den reinen Online-Übungen und Sprechstunden kann man natürlich schlecht etwas mit MATLAB rechnen oder simulieren, weil ich draußen ja keinen Beamer habe. Das war aber „früher“ in den herkömmlichen Übungsräumen auch so, in denen es immer eine klassische Tafel aber selten einen Beamer gab.

Weil unser Gehör problemlos mehrere parallel laufende Gespräche auseinander halten kann, funktionieren didaktische Methoden wie Ich-Du-Wir oder Think!-Pair!-Share! in der Präsenzgruppe viel einfacher und niederschwelliger als in Zoom, wo man jedes Mal neue Breakout-Räume aufmachen muss. Online kann man sich natürlich auch noch mit jemand anderem per Telefon oder zweitem Audiokanal (z.B. Discord) zusammenschalten, aber dort ist es akustisch viel schwieriger, zwei oder mehr parallele Gesprächsfäden auseinanderzuhalten.

Fazit

Eine Outdoor-Hybrid-Lehrveranstaltung ist logistisch etwas aufwendig und natürlich stark wetterabhängig, technisch mit dem passenden Equipment aber kein allzu großes Problem. Der didaktische Mehrwert ist natürlich überschaubar. Man bekommt die Inhalte rein technisch auch genau so gut oder besser in Zoom hin. Priceless ist jedoch: Die Studierenden kamen nach mehr als einem Jahr mal raus aus der Wohnung, auf den Campus, trafen sich mal ‚in echt‘ und hatten die Möglichkeit zum informellen Austausch, der in Zoom, http://wonder.me, http://spatial.chat und http://gather.town eben doch nicht das Gleiche wie auf der „grünen Wiese“ ist. Trotzdem wurde das Format von den Studierenden nicht so angenommen und frequentiert, wie man es bei den oft gehörten Wünschen nach mehr Präsenz- und Hybridformaten erwarten würde. Warum eigentlich?

Seltener Blick der Zoom-Teilnehmenden auf die lokalen Teilnehmenden durch die Rückkamera meines Laptops

Weitere Links:

Hier findet man bei Twitter weitere Informationen und Fotos aus den einzelnen Terminen:

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