Erfahrungen mit einer Online-Take-Home-Prüfung in den Grundlagen der Elektrotechnik

In einem früheren Blog-Artikel habe ich ein mögliches Format für eine Online-Take-Home-Prüfung in den Grundlagen der Elektrotechnik beschrieben. Am 18.02.2021 haben wir diese Prüfung dann genau nach diesem Konzept an der Fakultät für Elektro- und Informationstechnik an der Otto-von-Guericke-Universität durchgeführt. Hier möchte ich über einige Erfahrungen dazu berichten.

Konzeption

Der erste und wichtige Punkt der Prüfungsvorbereitung ist sicher die Erarbeitung eines Konzepts und dessen Kommunikation und kurze Diskussion mit den Studierenden. Dazu hatte ich nicht nur den schon angesprochenen Blog-Artikel veröffentlicht, sondern auch entsprechende Mitteilungen über das Lernmanagementsystem Moodle versandt. Prüfungen mussten aufgrund der Pandemiebedingungen online stattfinden, doch sowohl auf Seiten der prüfenden Lehrpersonen als auch der geprüften Studierenden gab es allgemein große Unsicherheiten wegen mangelnder Erfahrungen mit Online-Prüfungsformaten. Prüfende hatten allgemeine Befürchtungen vor vermehrten Betrugsversuchen, technischen Schwierigkeiten bei der Durchführung, prüfungs- und datenschutzrechtlichen Herausforderungen und einem gesteigerten Aufwand bei der (vermutlich immer wiederkehrenden) Aufgabenerstellung sowie Korrektur und Bewertung der Lösungen. Studierende hatten allgemein ähnliche Befürchtungen vor ungewohnten Aufgabenformaten („Hilfe! Der Klausuraufgabenkatalog des Fachschaftsrats hilft uns nicht mehr.“), zu strikten Konsequenzen bei „vermuteteten“ Betrugsversuchen, technischen Problemen wie Computerabstürzen und Verbindungsabbrüchen während der Prüfung und einem gesteigerten Aufwand bei der Prüfungsvorbereitung. Insgesamt hatte man den Eindruck, dass so Prüfende und Prüflinge einer Lose-Lose-Situation entgegen blickten.

Langfristige Vorbereitung

Zur Vorbereitung auf die hier beschriebene Prüfung hatte ich ein MATLAB-Programm geschrieben, das aus den LaTeX-Quelltexten unseres Prüfungsaufgabenkatalogs mit etwa 240 Aufgaben individuelle Prüfungsbögen zusammenstellt und zunächst als PDF-Dateien lokal abspeichert. Dafür war es natürlich vorteilhaft, überhaupt einen so großen Prüfungsaufgabenkatalogs zur Verfügung zu haben. Eine große Variabilität der Aufgaben ist in ingenieurwissenschaftlichen Fächer wie den Grundlagen der Elektrotechnik vermutlich auch eher möglich als in anderen Fachkulturen. Selbst in der theoretischen Elektrotechnik, in der es wenig prüfungstaugliche Aufgabenstellungen gibt, die sich mit überschaubarem Aufwand überhaupt analytisch lösen lassen, könnte man aber andere Aufgabenvarianten erzeugen, in denen man die gleiche Anordnung in anderen Koordinatensystemem berechnen lässt. Letztlich ist hier einfach etwas Kreativität und Engagement der Prüfenden gefordert. Ebenso von Vorteil war, vom Prüfungsamt eine direkt maschinenlesbare Liste der etwa 70 zur Prüfung angemeldeten Studierenden zu erhalten, auf Basis derer die Prüfungsbögen erstellt wurden.

Beispiel für einen individuell zusammengestellten Prüfungsbogen

Auf der ersten Seite gab es neben dem individuellen Namen und der Matrikelnummer der zu prüfenden Person noch mal die wichtigsten Informationen für die Prüfllinge zur Durchführung der Prüfung. Danach folgten jeweils zehn randomisiert zusammengestellte Aufgaben aus zehn Themenbereichen auf zehn einzelnen Seiten. Am Fuß jeder Seite befanden sich ein direkt anklickbarer Link und ein scanbarer QR-Code, der zur jeweiligen Einreichungsseite im Moodle führte.

Die zehn Themenbereiche für die Prüfung waren:

  1. Ladung und Strom
  2. Temperaturabhängiger Widerstand, Stromdichte, spezifischer Widerstand, differentieller Widerstand, Kapazität, Induktivität
  3. Grundstromkreis, Strom- und Spannungsteilerregel, DC-Leistung, Ersatzwiderstand, Brückenschaltung, Leistungsanpassung
  4. Zweipoltheorie, Vierpoltheorie
  5. Zweigstromanalyse, Maschenstromanalyse oder Knotenspannungsanalyse, Superposition
  6. Mittelwert und Effektivwert, Komplexe Rechnung
  7. Zeigerbild oder Ortskurve, Schwingkreise
  8. Komplexe Leistung und Leistungsfaktorkorrektur
  9. Drehstrom
  10. Schaltvorgang

Pro Themenbereich gab es etwa 10 bis 30 mögliche Aufgaben in unserem Prüfungsaufgabenkatalog, so dass es theoretisch möglich wäre, etwa 12,34 Billionen unterschiedliche Prüfungsbogen zusammenzustellen. Einiger dieser Kombinationen entfallen gleichwohl, da das Programm die Aufgaben so auswählte, dass die Gesamtpunktzahl zur besseren Vergleichbarkeit des Lösungsaufwands im Bereich von 85 bis 95 Punkten lag.

Anzahl der Möglichkeiten von individuell zusammenstellbaren Prüfungsbögen durch einen großen Prüfungsaufgabenkatalog

Ich hatte mich für zehn einzelne Einreichungsformulare im Moodle (vom Typ „Aufgabe“ bzw. „assign„, ein Formular pro Aufgabe) entschieden, statt den Studierenden nur ein Einreichungsformular für die gesamte Klausur zur Verfügung zu stellen. Jedes Einreichungsformular sah dabei folgendermaßen aus.

Einreichungsformular aus Teilnehmenden-Sicht

Mit einzelnen Formularen ist es natürlich auch möglich, schon einzelne fertige Lösungen vor Ablauf der Frist hochzuladen und einzureichen. Gerade bei einer instabilen Internetverbindung ist das Hochladen mehrerer kleinerer Dateien weniger problematisch als das Hochladen einer großen Datei. Außerdem lassen sich so einzelne Lösungen einfacher überarbeiten oder ersetzen. Auch für die Korrektur sind nach Aufgabentyp getrennte Einreichungen vorteilhaft, wenn jede korrigierende Person immer einen Aufgabentyp komplett bewertet. Nachteilig sind der zusätzliche Aufwand, als prüfende Person mehrere Formulare anlegen zu müssen und als teilnehmende*r Student*in mehrfach den Einreichungsprozess zu durchlaufen.

Übersicht über die Einreichungsformulare im Moodle

Ansonsten habe ich für die Prüfung keinen speziellen, neu angelegten Moodle-Kurs sondern einfach den normalen Kursbereich der Lehrveranstaltung genutzt. Dadurch mussten sich die Studierenden nicht gesondert anmelden und kannten die Navigation im Kurs bereits vor der Prüfung.

Um zumindest formell eine eigenständige Lösung von den Studierenden einzufordern, mussten diese bei der Einreichung jeder Lösung eine Eigenständigkeitserklärung abgeben. Die eingereichten handschriftlichen Lösungen hätte ich im Zweifel auch per Schriftprobe mit vorherigen semesterbegleitenden Einreichungen vergleichen können. Studierende hätten also unerlaubterweise externe Hilfe in Anspruch nehmen können, aber immerhin selbst schreiben müssen.

Abgabeeinstellungen im Moodle, Erklärung zur Eigenständigkeit muss bestätigt werden
Bestätigung der Eigenständigkeit aus Studierendensicht

Kurz vor der Prüfung

Direkt vor der Prüfung haben dann alle Studierenden ihren individuellen Prüfungsbogen als PDF-Datei per E-Mail an ihre studentische Adresse zugeschickt bekommen. Problematisch ist dabei, dass man natürlich nicht alle E-Mails exakt zur gleichen Zeit absenden kann und deshalb einige Studierende ihre Aufgaben eventuell einiger Minuten früher oder später bekommen. Hier hatte ich überlegt, die PDF-Dateien mit den Prüfungsbögen zunächst auf einen geschützten Webserver zu laden und nur einen individuellen Link zu verschicken. Solche indidualisierten Links lassen sich aufgrund der viel geringeren Größe natürlich viel schneller per E-Mail-verschicken, allerdings auch viel einfacher an potentielle Ghostwriter*innen weiterleiten, weshalb ich von dieser Idee wieder Abstand nahm. Schlussendlich funktionierte der von den personalisierten Aufgaben mit anonymem Peer Review erprobte E-Mail-Versand auch mit jeweils etwa 500 kB-großen PDF-Anhängen problemlos.

Durchführung

Während der Prüfung war ich bei technischen Problemen oder inhaltlichen Fragenstellungen in einem Zoom-Meeting und über mein Büro-Telefon ansprechbar. Diese Möglichkeit wurde gerade zu Stoßzeiten zu Beginn und zum Ende der Prüfung auch intensiv genutzt, so dass fast eine zweite Ansprechperson nötig gewesen wäre.

Übliche Fragen waren:

  • Ich habe meine Aufgaben noch nicht per E-Mail bekommen!? (Geduld, kommt gleich, SPAM-Ordner prüfen, …)
  • Wie ist diese und jene Aufgabe zu verstehen? (so wie es dort steht)
  • Ist das dort richtig oder ein Tippfehler? (nein, ist schon alles richtig so)

Dazwischen war es jedoch ruhiger. Spannend war, dass einige Studierende (wie auch ich) schon deutlich vor Beginn der Prüfung im Zoom-Meeting waren und dort auch die ganze Zeit blieben, ohne je eine einzige Frage zu stellen. Vielleicht suchte man die gemeinsame virtuelle Arbeitsatmosphäre oder hoffte darauf, durch Zufall doch noch ein paar wichtige Informationen zu bekommen, die man sonst vielleicht verpasst hätte.

Während der Prüfung gab es Proctoring anders herum: Ein paar Studierende beobachten mich beim Arbeiten.

Zum Ende der Prüfung stellten dann einige Studierende fest, dass die Zeit zum Hochladen doch schneller um war als gedacht, so dass ich individuell für einige Aufgaben eine Fristverlängerung gewährte. Das ist im Moodle glücklicherweise problemlos möglich und wird auch automatisch protokolliert.

Außerdem hatten einige Studierende unerwartete Probleme beim Einscannen oder Abfotografieren der handschriftlichen Lösungen, z.B. mit dem Dateiformat oder der erlaubten Dateigröße, obwohl genau das jeweils mehrfach im Laufe der vorherigen Semester bei der Lösungseinreichung zu den personalisierten Aufgaben mit anonymem Peer Review „geprobt“ wurde. Ein Student rief mich sogar verzweifelt an und kam dann persönlich vorbei, weil seine Smartphone-Kamera nicht mehr fokussierte. Ich scannte seine Klausur dann ein und leitete sie ihm per E-Mail weiter. Er konnte sie so immerhin selbst im Moodle-Kurs hochladen und formal korrekt einreichen.

Direkt nach der Prüfung habe ich zur Sicherheit alle studentischen Lösungen als ZIP-Dateien exportiert und heruntergeladen. Dabei kamen immerhin 600 MB zusammen.

Export aller studentischen Lösungen in zehn ZIP-Dateien mit 600 MB Gesamtgröße

Korrektur

Die Korrektur der Prüfung fand natürlich auch komplett digital direkt im Moodle-Kursbereich statt. Dafür schickte ich allen beteiligten Kolleg*innen eine E-Mail mit ihrem zu korrigierenden Aufgabentyp. Außerdem schickte ich allen zwei Freigabelinks zu Ordnern in unserem Cloudspeicher. Der erste Ordner enthielt die individuellen Aufgaben für jede*n Student*in. Dort gab es jeweils auch eine Textdatei namens „aufgabennummern.txt“ mit folgenden beispielhaftem Inhalt:

  1. Aufgabe: Nr. 5 mit 12 Punkten
  2. Aufgabe: Nr. 98b mit 8 Punkten
  3. Aufgabe: Nr. 27a mit 7 Punkten
  4. Aufgabe: Nr. 69 mit 9 Punkten
  5. Aufgabe: Nr. 57 mit 7 Punkten
  6. Aufgabe: Nr. 113 mit 9 Punkten
  7. Aufgabe: Nr. 102 mit 6 Punkten
  8. Aufgabe: Nr. 119 mit 8 Punkten
  9. Aufgabe: Nr. 146c mit 10 Punkten
  10. Aufgabe: Nr. 187 mit 12 Punkten

Dort konnten die Korrekteur*innen einsehen, welche Musterlösungen er/sie für der/die jeweilige*n Student*in verwenden mussten. Die jeweiligen nummerierten Musterlösungen waren in einem weiteren Ordner. Aus Sicht der Korrigierenden war es diesmal natürlich etwas aufwendiger, da man sich bei jeder zu korrigierenden Lösung in eine komplett neue Aufgabe mit einem anderen Lösungsweg hineindenken musste. Natürlich hätte ich die studentischen Lösungen für die Korrektur auch nach gleichen Aufgaben sortieren können, was mir für den zu erwartenden Nutzen aber zu aufwendig erschien. Trotzdem ist es für eine möglichst faire Bewertung sicher vorteilhaft, wenn eine korrigierende Person einen von zehn Aufgabentyp für alle Studierenden kontrolliert, statt alle Aufgabentypen für einen von x Studierenden.

Die jeweilige Korrektur der handschriftlichen Lösung konnte dabei direkt im Moodle vorgenommen werden, wobei dort die Möglichkeiten der Annotation doch recht begrenzt sind. Ich persönlich habe es vorgezogen, die Lösungsdateien herunterzuladen, per PDF-Reader oder Bildbearbeitungsprogramm zu annotieren und wieder hochzuladen.

Sobald eine Bewertung für eine Lösung vorliegt, werden die Studierenden automatisch benachrichtigt und können die Korrektur detailliert einsehen. In vielen Fällen stellten die Studierenden dann auch direkt Nachfragen per E-Mail, die dann entsprechend diskutiert wurden. Eine klassische Prüfungseinsicht für alle Studierenden zu einem gemeinsamen, festen Termin ist damit nicht mehr notwendig. Der nötige Zeitaufwand dafür verteilt sich jedoch über die Wochen, in denen die Korrektur stattfindet. Aufgrund der individuell zusammengestellten Prüfungsbögen ist jedoch auch keine Videonachbesprechung der Aufgaben möglich.

Durch die individuell zusammengestellten Prüfungsbögen hat außerdem jede geprüfte Person eine individuelle Maximalpunktzahl, so dass bei der Auswertung der Ergebnisse und der Berechnung der Noten nicht nur die tatsächlich erreichten Ist-Punktzahlen sondern auch die jeweils maximal erreichbaren Sollpunkte tabellarisch verrechnet werden müssen. Wichtig ist auch, dass die Einreichungen, Korrekturen und Ergebnisse von Studierenden, die sich aus Versehen selbstständig aus dem Moodle-Kurs abmelden, nicht gelöscht werden, sondern wieder sichtbar werden, sobald der/die Student*in wieder zum Kurs hinzugefügt wird.

Die grafische Auswertung der Punkteverteilungen der einzelnen Aufgabentypen in Form von Histogrammen ist im Vergleich zu vorherigen Präsenzklausuren recht typisch. Die Klausur ist dabei relativ gut ausgefallen. Die häufigste Note war eine Drei (Durchfallquote nur 17%), trotzdem gab es auch wenige Einsen und einige Fünfen. Die Durchschnittsnote lag bei 3,49. Es haben 46 Studierende bestanden, so viel wie noch nie in einem Wintersemester.

Recht spannend ist noch eine Auswertung des zeitlichen Verlaufs der Einreichungen für jede Aufgabe, die im Sinne von Learning Analytics über eine Auswertung der in Moodle gesammelten Daten über ein externes MATLAB-Skript möglich ist. Diese grafische Darstellung der Anzahl der Einreichungen über der Zeit lässt vermuten, dass einige Studierende mit etwas mehr Zeit vielleicht doch noch mehr Lösungen eingereicht hätten.

Zeitverlauf der Einreichungen jeder Aufgabe in Abhängigkeit der Zeit vor der Einreichungsfrist

Erkenntnisse und Kuriosa

  1. Erkenntnis: Wenn die Einreichungsfrist der Online-Prüfung naht, scheint plötzlich die Qualität der studentischen Internetverbindung drastisch zu sinken. Dies könnte das neue alternative Motto zu „The dog ate my homework!“ zu werden. Alternativ wurde mir kurz vor der Einreichungsfrist auch von spontan abstürzenden Laptops, von plötzlich viren-befallenen Tablet-PCs und von Smartphones berichtet, bei denen wie schon beschrieben der Autofokus unversehens nicht mehr funktionierte (sowohl bei der Haupt- als auch Frontkamera!). Ob Notelüge, Ausrede oder wahre Begebenheit, einige der Studierenden haben gern einen Grund gesucht, auf Nachfrage noch fünf bis fünfzehn Minuten mehr Bearbeitungszeit zu erhalten.
  2. Erkenntnis: Die fristgerechte Einreichung einer SHA1-Prüfsumme der abfotografierten Lösung mit Nachreichung der eigentlichen Lösungsdatei für langsame Internetverbindungen hat niemand genutzt. Stattdessen haben sich einige Studierende die unnötige Mühe gemacht, Datei und erzeugte Prüfsumme gleichzeitig hochzuladen, obwohl das natürlich wenig sinnvoll ist. Vermutlich haben sie den dahinterliegenden Sinn nicht wirklich verstanden und durchdrungen.
  3. Erkenntnis: Die Studierenden und angeblichen „Digital Natives“ scheiterten zum Teil mal wieder daran, zwei einzeln abfotografierte Bilder zu einer einzigen einzureichenden Datei zusammenzufügen oder ihrer iPhone-Kamera JPEG- statt HEIC-Bilder zu entlocken. Mir ist wichtig dabei zu erwähnen, dass wir das Prozedere der Einreichung abfotografierter/eingescannter handschriftlicher Lösungen im Moodle auf genau die in der Prüfung genutzte Art seit 3 Jahren für die semesterbegleitenden und schon mehrfach angesprochenen personalisierten Aufgaben mit anonymem Peer Review in der Lehrveranstaltung nutzen.
  4. Erkenntnis: Die Möglichkeit, sich bis 15 Minuten nach der offiziellen Bearbeitungszeit unter Nutzung der studentischen Mailadresse zu melden, falls die Antworten nicht vollumfänglich gewertet werden sollen, wurde von niemandem genutzt. Dazu ist zu erwähnen, dass ein Nichtbestehen der Prüfung (ohne Betrugsversuch) in diesem Prüfungszeitraum als relativ folgenloser Rücktritt und nicht als Fehlversuch zählte. Studierende, die mit Absicht durchfallen wollten, haben statt der Abgabe einer entsprechenden Erklärung aber wohl einfach gar nichts eingereicht.

Durchaus kuriose Erkenntnisse ergaben sich dann während der Korrektur: Es gab Studierende, die randomisiert zugeordnete Aufgaben nicht korrekt lösen konnten, obwohl es zu diesen Aufgaben ebenso zufällig genau DIE exakt passende Lösung als YouTube-Video gab (das man aber auch erst mal finden muss). Dementsprechend kann man als Prüfer*in ruhig etwas weniger „Angst“ vor unbeaufsichtigten OpenBook-Distanzprüfungen haben. Es gab immerhin aber auch einen Studenten, der sich durch die Eigenständigkeitserklärung dazu verpflichtet sah, eines meiner Erklärvideos als Lösungshilfe anzugeben.

Erklärvideo als Quellenangabe in der Eigenständigkeitserklärung

Weiterentwicklung

Für zukünftige Prüfungen, unabhängig davon ob diese rein online oder in Präsenz stattfinden, würde ich den Studierenden weiterhin erlauben, einen Laptop bzw. ein Tablet-PC oder Smartphone zu benutzen, um darauf installierte Software wie MATLAB, GNU Octave, CONCIRC oder LTspice zu benutzen sowie nebenbei auch eventuelle Dinge im Internet zu recherchieren. Durch die Nutzung solcher Software ergeben sich ganz andere praxisrelevante und anwendungsorientierte Kompetenzprofile, die man in klassischen Papier-und-Stift-Prüfungen kaum abbilden kann (Wer kennt noch das unnötige „Programmieren auf Papier“ aus Informatikprüfungen?). Das setzt natürlich eine allgemein gute und vergleichbare Ausstattung der Studierenden mit entsprechenden Endgeräten oder eine eventuelle Leihmöglichkeit voraus. Außerdem muss der Raum mit einem zuverlässigen drahtlosen Internetzugang ausgestattet sein, was bei Prüfungsräumen außerhalb der Universität wie z.B. Messehallen im schlecht digitalisierten Deutschland nicht immer der Fall sein dürfte.

Durch die Endgeräte mit Internetzugang ergibt sich natürlich auch die Gefahr, dass Studierende sich untereinander austauschen, Aufgaben und Lösungen teilen bzw. die Prüfungsleistung an externe kommerzielle Ghostwriter*innen auslagern. Insbesondere in ingenieurwissenschaftlichen Fächern halte ich persönlich den Markt für solche Anbieter aber für sehr überschaubar. Auch von Studierenden höherer Semester ist kaum Hilfe zu erwarten, denn ich sehe ja selbst in meinem Masterlehrveranstaltungen, wie wenig dort im siebten und achten Semester noch vom Wissen und den Kompetenzen aus den ersten beiden Semestern vorhanden ist. Die wenigen fähigen Masterstudierenden, die zu einer guten Hilfestellung in der Lage wäre, haben meist auch lukrative Hiwi- oder Werksstudierenden-Jobs und können gar nicht so viele Kästen Bier trinken, wie sie eventuell bei einer Prüfung mit Hilfestellung verdienen würden, zumindest solange alle Prüflinge die Prüfung im gleichen begrenzten Zeitraum bearbeiten. Man sollte auch bedenken, dass sich Studierende, die unerlaubt externe Hilfe in Anspruch nehmen, damit ein Leben lang durch den Dienstleister erpressbar machen. Letztendlich muss man sich als Prüfer*in in realitätsnahen Open-Book-Prüfungen damit arrangieren, dass Studierende sich eventuell inhaltlich austauschen, was unter Zeitdruck und mit der nötigen Korrektheit ja auch eine gewisse Kompetenz darstellt.

Spannend wäre in diesem Sinne auch mal ein Prüfungsformat, bei dem jede Art von Kooperation erlaubt und sogar erwünscht wäre. Studierende könnten sich zu Gruppen zusammenschließen oder eben allein arbeiten, um ihre individualisierten Aufgaben zu bearbeiten. Ab welcher Gruppengröße übersteigt der Kommunikationsoverhead den Gruppenvorteil und ab wann wäre es vorteilhaft, die Aufgaben einfach selbst zu lösen? Echte Gruppenprüfungen wäre auch interessant, bei denen die Aufgaben so konzipiert sind, dass eine Person diese kaum allein lösen kann und auf die Ergebnisse und Kompetenzen der anderen Gruppenmitglieder angewiesen ist. Wie kann man in diesem Fall eine objektive Bewertung aller Gruppenmitglieder sicherstellen? Das wird nur möglich sein, wenn man nicht nur das Ergebnis bewertet, sondern auch den Prozess, in dem das Ergebnis kollaborativ erarbeitet wurde. Gerade hier sehe in einen enormen Vorteil von Online-Prüfungsformaten, in denen sich Gruppenarbeitsprozesse wie die Arbeit in (Programmier-)Etherpads, die Kommunikation über Messenger-Dienste und Foren oder die gemeinsame Entwicklung von Quellcode in Versionskontrollsystemen gut abbilden und gleichzeitig mit wenig Aufwand nachvollziehbar dokumentieren lassen.

Schlussendlich freue ich mich auf viele weitere kompetenzorientierte Prüfungsformate und bin froh, selbst genügend informationstechnische Kompetenzen und Programmierkenntnisse mitzubringen, die mir erlauben, eigenständig und automatisiert entsprechende individualisierte Aufgaben und Prüfungsbögen zu erstelllen, an die Studierenden zu verteilen, Dateiformate zu konvertieren, Meta-Daten zu bearbeiten, Prüfsummen zu verwenden, Einreichungsmodalitäten über Links und QR-Codes zu konzipieren und die bei der Prüfung anfallenden Daten effizient auszuwerten sowie zu archivieren.

3 Kommentare zu „Erfahrungen mit einer Online-Take-Home-Prüfung in den Grundlagen der Elektrotechnik“

  1. Sehr interessanter Artikel.

    Auch wenn es nicht dafür vorgesehen war, kann das Schicken von SHA1 und Bild aus Sicht der Studierenden Sinn machen.
    Zumindest könnten sie damit eine spätere Manipulation des Bildes nachweisen (vorausgesetzt die Prüfsumme wurde richtig berechnet 😉 ).

    Wenn das Prüfungsformat auch außerhalb von Pandemiebedingungen eingesetzt werden sollte, müsste man vermutlich sowieso noch ähnliche (/weitere) Prüfmechanismen einführen.

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